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Auguste
in der Großstadt
 

Erster Heimatbrief des Dienstmädchens Auguste Oschkenat aus Enderweitschken per Kieselischken.

Von Dr. Alfred Lau

Königsberg, den 14. März 1925

Liebe Elterchens!

Nu tut mir all meist leid, das ich nich bei eich geblieben bin. Ich hädd man horchen sollt. Denn hier in Königsberg is mir alles so unbekannt, und ich hab mich in die viele Straßen all e paar mal mächtig verbiestert. De Heiser sehen aller eengal aus; das einer se ausenanderkennt, sind ieberall Zahlen angeschrieben, aber nu hat einer es noch schwerer mit es Zerächtfinden.

Nich emal inne Kich und in unserm Haus find sich einer durch. Dem ersten Morgen, wo ich da war, schickd mir de Frau nach Mattjes-Häringe. Wie ich unten anne Haustier kam, war se zu. Ich klinkd dem Dricker runter und zog so doll wie ich konnd, aber de Tier ging nich auf. Deshalb musd ich de Träppen nochmal raufklettern und dem Herr rufen. Der kam denn nu und machd mir de Tier auf. Und denkt eich bloß, Elterchens, die Tier geht nach außen auf, deshalb hädd ich se auch nich aufjekricht, weil ich immer nach inwändig zog! Bei uns gehen doch alle Tieren nach inwändig auf. Mit de Fenster is das auch jerad umgekehrt. Die muß einer nach inwändig aufmachen, in Enderweitschen gehen se aber doch aller nach draußen auf! Nu kennt ihr eich vleicht ausmalen, wie schwer das hier is, wo einer alles neu lernen muß. Ich bin ganz unglicklich und wolld all e paar mal wieder zrickkommen, aber ich find nich mehr dem Bahnhof. Inne Kich is auch alles anders, gekocht wird nich mit Holz, nei mit Luft wo aus Röhren rauskommt. Jedes Mal wenn ich de Luft anstecken will, denn knallt ganz laut, daß ich mir immer erschreck. Das Anmachen mit Kienholz wie ze Haus wird hier garnich gemacht. Am besten is noch das Licht, da brauchst bloß so e schwarze Schraub umdrehen denn brännt. Jetz stinken meine Finger auch nich mehr so nach Pitrolium. Und das Wasser brauchst auch nich vonne Pump ausem Hof holen, das kommt von selbst raufgeklettert und leift aus einem jelben Rohr auße Wand. Ihr denkt vleicht, das ich eich beliege, das is nich wahr, es is warraftgen Gott so wie ich eich erzähle.

Ach so nu wolld ich ja noch von die Häringe was sagen. Ich war nu aufe Straß und ging beim Kaufmann. Da waren solch große Fenster das ich Angst hädd reinzugehen. Aber wie ich sah das die andern keine Angst hädden ging ich auch rein. Wie ich drin war, musd ich wieder rausgehen, denn der Kaufmann hädd bloß Biecher zu verkaufen aber keine Häringe. Iberhaupt verkauft hier jeder was er will. Bei uns is das doch viel besser, der Adomeit hat alles was einer brauch. Denn suchd ich nu weiter und wie ich bei einem kam wo Häringe hädd, da hädd ich dem Vornamen von dem Häring vergessen. Er fragd immer, ob der Bismark hieß, aber ich sagd nei, das hieß anders. Bismark war doch der auße Schul, wo immer der Lehrer von erzähld. Nu konnd ich keine kaufen, und wie ich merkd, daß er mir doch welche anschmieren wolld, sagd ich kein Wort und ging wieder raus. De Frau schimfd, weil ich keine mitgebracht hädd und der halbe Tag all rum war, deshalb ging se selbst und ich mußd de Stub ausfegen und dem Teppich harken mit so e Maschin wo mächtig bullerd, weil se eläktrisch is. Was das is, wer ich eich nächstes Mal erzählen. Zu Mittag krichd ich nu Häring und hab mir wieder Mut angegessen, weil mich das bekannt war. Das Aufwaschen ging ganz gut, bloß das Kaufen mag ich nich gern, weil ich immer denk hier wirst betrogen.

Abends ging ich in meine Kammer die hab ich ganz allein, nich wie bei uns ze Haus wo aller in eine Stub schlafen. Aber ich wusd nich, wie ich inne Kich das Licht ausmachen solld. Ich stelld mich aufm Stuhl und hab gepustet, daß mich die Augen tränden und mich ganz schlecht wurd. Aber das Licht flackerd nich emal. Denn kam de Frau und fing an zu lachen. Das ärgerd mir und ich sagd: Denn pusten Sie doch, wenn Se besser kennen. Aber se pustd nich, se drehd wieder an die schwarze Schraub und denn war dunkel, morgen wer ich auch drehen.

Am meisten wundert mir, daß das kleine Hausche wo bei uns am Stall rangebaut is, hier mang alle Stubens is, aber inne Tier is kein Herzche wo Licht durchkommt, und auch der Wind pust nich so von unten. Da is ganz warm, das heiß Warmeswasserheizung, aber das Wasser is kalt, ich hab dem Finger reingehalten. In alle Tieren stecken Schlissels, aber man zum Staat, bloß die Angtrehtier wird inne Nacht zugeschlossen. Auch e eiserne Kätt inwendig ranjemacht, weil hier soviel Mörders sind. De Frau hat mir gestern auch aufe Lucht gefihrt, das is ganz oben wie bei uns, bloß viel höher. Innem Keller geht auch e Trepp, aber da is kein Brätt zum wegnähmen, da kannst ganz grads reingehen. Und dänn is noch e kleine Stub von draußen rangebaut, aber kein Dach, das heiß Ballkong. Da wachsen de Blumchens, bloß se haben man e bißche Ärd und stehn in sone lange Kästens, Rundehls sind garnich.

Der Herr und de Frau haben auch einem Jung wo Ärwin heiß, aber das is e richtjer Lorbaß. Der is fimf Jahr alt und hat all lange Bixen. Ich denk de Kinder werden hier all ganz frih eingesägent. Inne Schul war er auch noch nich aber de Frau sagt er is klug, weil er immer Zucker auße Dos klaut und dänn Bauchschmärzen hat. Inne Äck liegt auch e Hund, aber das is kein richtjer Hund, weil er nich bällen kann, er is man aus Baumwoll, und der Ärwin koddert ihm immer inne Stub rum, dänn sagt de Frau: "Auguste," sagte se, "sie haben wieder nich orndlich ausgefägt."

Nu werd ihr eich denken kennen wie ich hier wohn und wie alles is. Hädd ich das man friher gewußd, aber noch emal kricht mir keiner inne Stadt. Schon wejen Essen, das Fleich mußt mit e Fork essen aber mite kleine, ze Haus mitem Leffel war doch besser.

Nu sitz ich in meine Stub, da is e Pitroljumlamp, deshalb stinken meine Finger auch wieder. Aber die versteh ich bei wenigstens anzustecken und auszupusten (die Lamp mein ich), was ich jetz gleich tun wer. Grießt dem Kardel und grießt herzlich.

Eire treie Tochter

Auguste

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