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Hildegard Rauschenbach

Hildegard Rauschenbach, 1926 in Dickschen, Kreis Pillkallen (Ostpreußen) geboren, wurde 1945 für dreieinhalb Jahre nach Sibirien verschleppt und hat darüber 1984 ihr erstes Buch "Von Pillkallen nach Schadrinsk" veröffentlicht (das Buch wurde 2001 in einer erweiterten Auflage unter dem Titel "Vergeben ja - vergessen nie" neu herausgegeben). Es folgten die Bücher "Zuhause in Pillkallen", "Marjellchen wird Berlinerin", "Koddrig und lustig" und "Marjellchens verzwickteVerwandtschaft".Außerdem hat sie mehrere Tonkassetten mit Gedichten und Liedern - zum Teil in ostpreußischem Platt - herausgegeben.

Hildegard Rauschenbach lebt heute in 12109 Berlin, Wolfsburger Weg 21; Telefon 030/7036643. Sie ist auch Initiatorin des ersten Denkmals in Deutschland, das dem Leid der Frauen bei Kriegsende gewidmet ist und im November 2001 in Berlin enthüllt worden ist. Darüber schreibt die Berliner Morgenpost am 27.11.01:

Vergeben ja, vergessen nie

Tempelhoferin initiierte Gedenkstein

Von C. Eichelmann

Mariendorf/Neukölln. Hildegard Rauschenbach muss keine Erinnerungslücken mit Souvenirs füllen. Sie hat nicht vergessen. In diesem Frühjahr bekam sie dann doch ein Andenken geschenkt - ein Stück Stacheldraht. Überbleibsel des sibirischen Zwangsarbeiterlagers 6437, in dem sie dreieinhalb Jahre mit anderen Frauen Schwerarbeit geleistet hätte.

Als der Kulturbeauftragte der Stadt Schadrinsk ihr das stachelige Relikt überreichte, war die Geschichte der Mariendorferin und gebürtigen Ostpreußin längst zwischen Buchdeckeln verewigt. Und seit Mitte November erinnert auf dem Garnisonfriedhof an der Lilienthalstraße der bundesweit erste Gedenkstein an verschleppte Frauen.

Hildegard Rauschenbach hätte den Stein lieber woanders gesehen. "An einem öffentlichen Platz. Es ist ein Denkmal", sagt die zarte 75-Jährige mit den lebendigen Augen. Den Ort wählte der Verband deutscher Kriegsgräberfürsorge, der den Stein aufstellte. ln einem aber setzte sich die Initiatorin durch. Neben dem Aufruf gegen Krieg und Gewalt erinnert ein zweiter Text auf dem weißen Granit an das Original in Schadrinsk. Einwohner, aufgerüttelt durch Frau Rauschenbachs Lagergeschichte, ehren damit ein Massengrab verstorbener Häftlinge.

Als sie 1948 nach Deutschland kam, war ihre Geschichte nicht gefragt. Auch später nicht. Deutschland hatte den Krieg begonnen, Deutschland brachte Leid über ganz Europa. Besonders über die Vergewaltigungen habe keine der Frauen gesprochen. Fast jede Nacht waren russische Soldaten gekommen, als sie mit den Eltern auf der Flucht bei Danzig Station machte. Hilde war 17, ein hübsches Mädchen.

Noch l984, sie hatte längst Mann und Sohn, als sie wie besessen begann, alles aufzuschreiben, "da habe ich das Thema erst ausgespart. Aber es gehört doch da rein". Seitdem kann sie schlafen, ohne dass Albträume sie Plagen.

Zweimal kehrte Hildegard Rauschenbach nach Schadrinsk zurück. Auch den Ort ihrer Kindheit besuchte sie. Das Elternhaus steht nicht mehr. Die Erinnerung aber lebt, genährt durch Kulturpflege in der neuen Heimat. In einer Plattdeutsch-Runde "schabbert" die "Ostpreußin in Berlin" in der Mundart, die ihr nach knisterndem Torf im Ofen klingt. Auf Kassetten und Schallplätten, bei Kulturtagen und im Fernsehen fasste sie Sehnsucht in Texte und Noten. Ihre Lieblingsverse singt sie, während sie sich auf der Heimorgel begleitet. Vier Bücher füIlte sie mit Anekdoten aus der Zeit in der sie "Marjellchen" war, das Mädchen.

Zurück will sie trotzdem nicht. Als ein Bibliotheksleiter eine Lesung mit ihr absagte, weil sie als Sprecherin der Vertriebenen "zu den Revanchisten" gehöre, da traf sie das. Richtig in Rage gerät sie, wenn sie an Leute wie Paul Latussek denkt, an seine Rede von den "Lügen" über Jedwabne, Katyn, Auschwitz, die er als thüringischer Vertriebenenverbandschef hielt. "Solche Leute verderben alles", erregt sie sich. "Man muss nicht vergessen, aber verzeihen können."

Im Gedächtnis geblieben ist ihr die Hilfe der Russen, die nach dem Krieg selbst kaum etwas zum Leben hatten. "Ihnen verdanke ich, dass ich heute hier stehe", sagte sie in ihrer Rede zum diesjährigen Volkstrauertag im Reichstag. Vielleicht lesen sich deshalb ihre Bücher so leicht, mutmaßte ein Schadrinsker Rezensent, "weil kein Hass und nichts Böses drin" sei.

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