Gefährlicher Fortschritt auf dem Kleinbahnhof
Werner Granitzki
In Regelnitzen und Brodowen
Sawadden, Mrosen, Kallinowen
ein jeder dort die Kleinbahn kannte,
die man stets nur "der Kujel" nannte.
'ne Wellblechbude und 'ne Bank,
drei Meter breit, sechs Meter lang,
jedoch für'n Schaffner Telefon,
das war die ganze Bahnstation.
Sie diente also dem Verkehr,
im Dunklen doch mit Liebe mehr.
Geschützt vor Regen und vor Wind
entstand hier manch masurisch Kind.
Der kleine Fritz, der hatte Glück,
die Oma nahm ihn mit nach Lyck.
Sie kaufte dies, beguckte das,
das Suchen machte ihr viel Spaß.
Mit Taschen und Paketen wollen
sie mühsam sich zum Bahnhof trollen.
Ein großer Platz damals wie heute,
links lockt ein Park verliebte Leute.
Dazwischen gähnt ein großer Schlund;
der führt wohl in den Untergrund?
Manchmal war er auch fest verschlossen,
doch sie geh'n durch ganz unverdrossen.
Die Treppen hoch an Tunnels Ende
gelangen sie auf das Gelände
der Kleinbahn, dort verkauft man Karten,
auf langen Bänken kann man warten.
Wenn dann die Zeit zur Abfahrt ran,
der Fahrgast in den Wagen kann.
Die Oma steigt mit Fritzchen ein,
zwei Fensterplätze, das ist fein.
Solang' der Zug im Bahnhof steht,
man nicht zur Toilette geht.
Doch Omas Blase drückt ganz toll,
mit Kaffee und mit Bier randvoll.
Sie guckt zur Uhr: Noch zehn Minuten.
"Ich muß aufs Klo, ich werd' mich sputen."
Doch hier war auch der Fortschritt schon
mit Wasser-Druck-Installation.
Ein schönes Becken und daneben
kannst du Signal dem Wasser geben.
Du drückst nur mit der linken Hand
auf einen Knopf nicht weit vom Rand,
schon schießt das Wasser wie ein Zauber
schnell in das Becken, macht es sauber.
Im Laufen hat schon hochgerafft
den Rock die Oma, hat's geschafft.
Es rauscht ins Becken, rauscht und rauscht,
die Oma sitzt und staunt und lauscht.
Den Knopf, den hat sie nicht geseh'n,
sitzt auf ihm drauf und drückt ihn schön.
Sie wundert sich und überlegt,
was in die Blase so reingeht.
Im Cafe Stamm mit Seeterrassen,
da trank ich doch nur drei, vier Tassen.
Zwei Bier dann nach dem leckren Fisch,
bei Kopatz war er wirklich frisch.
Ich sitz schon fünf Minuten drauf,
das Pullern hört jedoch nicht auf.
Der arme Jung', der kleine Fritze,
sieht schon den Mann mit roter Mütze.
Er rennt zur Tür, wo "Frauen" steht,
ruft: "Oma, komm, der Zug abgeht!"
"Ach, Fritzchen, ich hab' nichts zu lachen,
steig ein und achte auf die Sachen!
Grüß Vater, Mutter, Opa schön,
ich werde sie nicht wiedersehn!
Und iß auch auf mein Reisebrot,
ich pinkel mich hier heute tot."
Aus: 25. Heimatbrief Landkreis Allenstein, Weihnachten 1994
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