Pillkallen
Hans-Ulrich Wirth
Wißt ihr, wo Pillkallen liegt,
Habt ihr das noch mitgekriegt?
Über Insterburg, Gumbinnen
Könnt die Richtung ihr gewinnen
Und euch dann bei Stallupönen
An das Klima dort gewöhnen.
Dort verträgt sich ohne Störung
Kunst, Religion und Bullenkörung.
Landwirtschaft gab's reichlich, nur
Etwas abseits von Kultur.
Dafür waren, wie man sagt,
Schnaps und Pferde sehr gefragt.
Trinkst du einen gegen Durst
Mit 'nem Scheibchen Leberwurst
Über einem großen Klaren,
Ist dir Gutes widerfahren;
noch ein Klacks'chen Mostrich drauf
Hebt die Wirkung etwas auf.
Sowas liebte man vor allen
Andern Schnäpsen in Pillkallen,
Das man allgemein noch kannte,
Als man es schon Schloßberg nannte.
"Trinkt der Mensch und säuft das Pferd",
War es dorten umgekehrt,
Denn die Preußen aus dem Osten
Konnten kräftig was verkosten.
Trauerfeiern, Hochzeit, Taufen
Waren Grund, gezielt zu saufen.
Selbst wenn man nur fett geträumt,
Wurd mit Schnaps gleich aufgeräumt.
Traf ein Ostpreuße den andern,
Kamen schnell sie ins Plachandern:
"Bist zu Haus in Allenstein?"
Fragt der eine. Antwort: "Nein!"
"Mensch, ich auch nicht! Herrgottsleben,
Darauf laß uns einen heben!"
Auswahl gab's in rauhen Mengen,
Braucht sich keiner vorzudrängen.
Hier der Schnäpse Litanei:
Elefantendups mit Ei,
Bärenfang und Sonnenschein,
Schneegestöber, Knickebein,
Nikolaschka, Blutgeschwür -
Find'st schon nicht mehr aus der Tür!
Hast du viel und gut gegessen,
Darfst den Dank du nicht vergessen.
Aber vorher wolltest fein
Ausreichend genötigt sein:
"Nehmen Sie doch noch 'nen Happen,
Brauchen ja nuscht zu berappen,
Lassen Sie den Rest nicht liegen,
Weil ihn sonst die Schweine kriegen
Hast du alles dies vernommen,
Ist dein Glück als Gast vollkommen
Und du hauchst von deiner Bank:
"Bauchchen voll, drum Gottchen Dank!"
So war's einstmals in Pillkallen
Und den andern Städtchen allen
Von der Ostsee bis Masuren
Und hinauf zum Haff der Kuren.
Seit der Russe dort gesiegt,
Wißt ihr, wo Pillkallen liegt:
Abgetrennt durch Zeit und Raum
Ist es heute nur ein Traum,
Liegt nur noch in unserem Herzen!
Und im Schein der blauen Kerzen!
Dort liegt's deutsch und unversehrt,
Solange die Erinn'rung währt.
Und ein alter Spruch klingt auf
Aus vergang'ner Zeiten Lauf:
"Bleibst in Lyck du unbeweibt,
In Gumbinnen unbekneipt,
In Pillkallen ungeschlagen,
Kannst von großem Glück du sagen!"
Aus: Ebenroder (Stallupöner) Heimatbrief, Dez. 1996
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