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Gedichte
in hochdeutsch
 

Die sieben ostpreußischen Winter

Ottfried Graf Finckenstein

Der erste Winter ist vorbei,
nun folgen nur noch zwei und drei,
vier, fünf und sechs und sieben.
Die Sonne lächelt wie im Mai
und von der ganzen Schneierei
ist nur der Dreck geblieben.

Der zweite Winter ist nicht schlimm.
Der Mensch, gefaßt auf seinen Grimm,
erwartet ihn begeistert.
Er hat die Mieten zugedeckt,
die Kühe in dem Stall versteckt
und jedes Loch verkleistert.

Der dritte Winter macht zum Spaß
die frommen Kirchengänger naß
zum lieben Weihnachtsfeste.
Die Schnupfen und die Husten blühn.
Die Öfen wollen nicht mehr ziehn
und Grog ist noch das Beste.

Der vierte Winter hält dann nicht,
was er dem Wintersport verspricht.
Er friert zwar Stein und Beine -
jedoch von Schnee ist keine Spur
und schweigend leidet die Natur
im kalten Mondenscheine.

Den fünften Winter hat man satt,
man träumt ganz heimlich schon von Blatt,
von Blumen und von Kräutern.
Doch ist der Mensch nicht auf der Weit
damit es ihm hier gut gefällt -
die Seele soll er läutern.

Der sechste Winter, so Gott will,
zerstört die Sage vom April,
die Veilchen und die Saaten.
Es schneit den lieben langen Tag,
es friert die Nacht und keiner mag
mehr aus dem Haus geraten.

Der siebte Winter ist so frei
und stäubt im Wonnemonat Mai
die Obst- und Beerenblüte.
Dem Menschen ist es einerlei,
denn alle Angst ist nun vorbei
und er lobt Gottes Güte.

Der achte Winter kommt sodann
ganz unvermutet zu Johann,
ganz heftig und ganz plötzlich.
Er kommt recht häufig - doch man spricht
von ihm am allerbesten nicht -
denn er ist ungesetzlich.

Aus: Luntrus und Marjellchen, Rautenbergverlag

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