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Gedichte
in hochdeutsch
 

Die Urne

Friedrich Erich Petukat

Von Hamburg fuhr einst eine Dame
mit einer Urne an die Saar.
Verschwiegen sei ihr edler Name -
fest steht, daß sie von Adel war.

Sie weinte in den Witwenschleier,
der furchtbar schwer und länglich schien -
und hielt mit einem Kranz umwunden
die Aschenurne bei den Knien.

Die Urne trug die letzten Reste
des heißgeliebten Gatten heim,
dem unter Schwüren sie versprochen,
auch nach dem Tode treu zu sein.

Da stieg ein junger Mann ins Abteil
und nahm an ihrer Seite Platz.
Erschreckt griff die verweinte Witwe
nach ihrem teuren Urnenschatz.

Dann großes Schweigen eine Zeitlang -
- die Klasse war sonst völlig leer -
die Witwe hob den Witwenschleier
und plötzlich weinte sie nicht mehr. -

Sie fragte schüchtern nur - fast zärtlich -
nach einer nächsten Bahnstation. -
Zu einem Wörtchen kam ein andres -
der Schmerz schien etwas wen'ger schon....

Die Witwe schien fast schon zu lächeln, -
Er sprach so temperamentvoll kühn,
und daß er ihre Hand gestreichelt --
wie doch so schnell die Stunden fliehn!

Die Wunde hörte auf zu bluten,
vom Witwenschmerz bald keine Spur -
als sie mit der bekränzten Urne
beseligt in den Bahnhof fuhr. -

Sie war zwar noch nicht ganz am Ziele,
doch war's im Herzen ihr so schwül - -
und daß sie mit dem Herren ausstieg,
war teils doch nur aus Mitgefühl. -

Sie gingen plaudernd von dem Bahnsteig, -
natürlich beide auch ganz nah. - -
Sie fand schon manches selbstverständlich -
wozu ist denn der Arm auch da? -

Doch plötzlich hemmt sie ihre Schritte.
Ach, welch ein dummes Mißgeschick.
"Ich habe etwas ganz vergessen -
o bitte, einen Augenblick."

Schon war sie fort, jedoch auch leider
war fort der längst entschwundne Zug.
Und mit ihm auch die Aschenurne,
um die sie ihren Schleier trug.

Sie winkte ihm noch pietätvoll
den letzten Gruß voll Witwenleid. -
Was später kam, darob zu schweigen,
verlangt des Dichters Höflichkeit.

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