Waschfrauen Weisheit
Von Paul Scholz
Die Waschfrau ist heute bei Schulzens im Haus.
Eine Waschfrau kennt mit dem Leben sich aus;
sie kommt ja in viele Familien hinein,
da hört sie von Freude, von Glück und von Pein.
Manch Leid und Schmerz wird ihr anvertraut,
auf ihren Rat gar mancher baut.
So kommt auch Mariechen zur Waschfrau hin.
Mariechen hat heute nur Trauer im Sinn.
"Ach, hätt' ich doch einen lieben Mann,
den man von Herzen küssen kann!
Aber so allein ist mir elend zumut';
Alleinsein bringt Trauer, das fühl' ich zu gut;
drum möcht' ich immer nur weinen, ich Arme!
Hätt' ich einen Mann, der sich meiner erbarme!"
"Ach, Fräuleinchen", sagt die Waschfrau nun,
trocknet ab ihre Hände, läßt die Wäsche ruh'n.
"Sie denken, Verheiratetsein ist schön.
Auch ich hab' gute Tage gesehn.
Sie wissen, mein Mann liegt schon längst in der Erd'.
jetzt geh' ich zum Friedhof unbeschwert
an jedem Sonntag, den Gott mir schenkt,
begieß' ihn, daß er auch drüben an mich denkt.
Ist viel schöner, das sag' ich Ihnen genau,
bin ja eine alte, erfahrene Frau!"
Aus: "Ermlandbuch 1992"
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