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Gedichte
in missingsch
 

Erntebier

Von Ernst Gardey

Im Hof das letzte Fuder fährt.
Vorbei die Erntezeit.
Kein Hagel und kein Regen steert
nu mehr die Fruchtbarkeit.
Der Gutsherr vore Haustier steht,
und „die vom Hof“ daneben;
e druggliches Marjellche geht
zu ihm und tut ihm geben
dem Erntekranz, nach alte Sitt,
sagt auf auch e Gedicht,
von wegen daß der Gurtsherr nu
das Erntebier ansticht.

Der Speicher is fein hergericht,
mit Talkum ausgestreit,
Girlandchens hängen dicht bei dicht,
auch Achtels stehn bereit.
Ein Tonnche is all angesteckt,
auch Schnaps is beie Hand.
An manches Proppche hat geleckt
heit frieh all der Rendant.
Nu kippen einem hintre Bind,
wo als Musik bestellt.
Mit Leib und Seel dabei se sind,
es kost ja nich ihr Geld!

Der Speicher is gerammelt voll.
Sehr durstig is manch Kehl.
De Bläser schmettern rein wie doll
„Heit sind wir so fidel!“
Der Gutsherr fodert sittsam fein
Frau Kämmrer auf zum Tanz.
Er schwungt ihr rechts- und linksrum ein
beim Stallaternenglanz.
Der Kämmrer mitte Bickling tritt
nu vore „Gnädge“ gar.
Denn hopst er los im Walzerschritt,
wie’n Pogg vorm Adebar.

Der Herr Inschpekter Micketeit,
wo frieher Leitenant,
plagt ab sich, i du meine Zeit,
mits Freilein Gouvernant.
Das is e alter Besen all,
wo nich mehr richtich kehrt,
se hat auch all e kleinem Knall,
man bloß auf „von“ se heert!
Behängt is se mit Takelasch,
rein wie e Zirkusferd,
aus pure Seid is de Kliddasch,
hat all Museumswert!

Im Schwalbenschwanz der Herr Rendant
Geht wie e Hahn umher.
Hat von heit frieh nu all dem Brand,
ihm sind de Stiebels schwer.
Er fodert auf zum Walzer nu
das „Klärchen“, die Mamsell.
Er spaßt mit die, er nennt ihr „du“,
der quabbligen Marjell!
Er is e schabernackscher Krät,
macht Puppchens beiem Tanz.
De Freß wie’n Scheerenschleifer geht,
es wippt sein Schwalbenschwanz!

Das erste Stubenmädchen fiehrt
Der junge Herr zum Tanz.
Wie doll der Lorbaß all pussiert
Mit diesem Firlefanz!
In eine Eck beknutscht er ihr,
butscht ihr das Freßche rot.
Du lieber Gott, wer kann dafier:
das is doch nu mal Mod!
Der Schmid mits Wirtschaftsfreilein fliegt,
ihm schwitzt, das Gott erbarm;
der Schweinsmajor dagegen liegt
de Meierin im Arm!

Die Manns und Fraun sich gietlich tun
derweil an Bier und Schnaps.
Manchs einer is all dick und duhn
und hat e kleinem Klaps.
Der Bierkran leift mit feinem Strahl,
macht voll dem Henkeltopp;
manchs einer huckt an ihm sich dal
und sauft sich voll dem Kropp.
Heit is das alle piep und Wurscht!
Und Freibier, das is klar,
ja wie kein andres löscht dem Durscht,
gibt einmal man im Jahr!

Die Fiddel kreischt, der Brummbaß brummt:
„ Der Gutsherr, er soll leben!
Bis er dereinst im Tod verstummt
noch viel, viel Freibier geben!“
Und runter schmeißt der Melker Fritz
dem Hälsche und dem Kragen:
„Im Schäckert tanzen bei die Hitz,
der Deiwel soll ertragen!“
Das Kichenmädche läßt sich fiehrn
vom Stellmachergesell.
Se wolln im Garten sich verkiehln:
Na, paß man auf, Marjell!

O wunderscheenes „Erntebier“,
du Fest voll Freid und Lust!
An deinem Bierkran liegt Mensch hier
wie’n Babie anne Brust!
O wunderscheenes „Erntebier“,
du Fest fier alt und jung,
manchs einer kriecht auf alle Vier
all vor Begeisterung! –
De Funzels brennen nu nich mehr…
Schon ohjahnt dir und mir…
de Buddelchens sind auch all leer…
Adjee nu, „Erntebier“!

Aus: "Bitte recht freindlich"

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