Erziehung
von Fritz Klabustrijkeit
De Marjellens von heit sind doch schwer zu lenken,
Die Kräten, sie können sich nich beschränken,
Fiejucheln rum inne Nacht, bis um zehn,
Und denn wollen se noch nich mal zu Hause jehn.
Se rennen im Kaffee, im Kientopp, zum Tanzen,
Und hopsen rum, wie paar wilde Wanzen.
Se fahren Motorrad, se sejeln, se reiten,
E Paar auf'em Dokter sich vorbereiten.
Se färben de Lippen, se pudern's Jesicht,
Se können Vieles, - und garnuscht nich.
Tante Lina, so e alte klabastrije Schachtel,
Aus'e Uhlepest, so e Jewitterwachtel,
Die ärjert sich drieber. Se kann so was nich sehn.
Se kann ieberhaupt heit de Zeit nich verstehn.
Und weil zwei Nichten ihr anjeheeren,
Versucht se die tugendsam zu belehren.
"In meine Jugend", - se tugendsam spricht, -
Nei, Kinderchens, Nei! Da gab's so was nich.
Wir inne Jugend haben uns nie nich jepudert,
(Wobei se verschämt auf'e Tuntel gludert)
Wir huckten zu Haus auf'e Ofenbank,
De Zeit, die wurd uns niemals nich lang.
Wir heerten vom Dorf de Abendglocken,
Und strickten für'm Herzallerliebsten Socken.
Aber dicke, - aus Woll! Nich wie heite aus Seid.
Na, und ieberhaupt! Eire Unterwäsch heit!
Nich e mal mehr flanellne Unterhosen!
Ieberhaupt heit die Mädchen! Diese losen.
Frieher, - da war alles gut und scheen,
Heite! Nei, Kindersch, ich kann's nich verstehn,
Heit rennt ihr rum, werd alt und ranzich,
Frieher, - kaum war e Marjell so zwanzich,
Da nähert unter Aufsicht sich e ehrbarer Mann,
Und hielt um ihr bei de Elterchens an.
Und schnell wurd dann alles vorbereit,
Und nach drei Wochen, denn war'n se verfreit.
Und wie sich das so alles findet,
Denn wurd schnell e Familje jejrindet,
Und mittem Mann und mit Kinder, wie jeder weiß,
Da gab's e trautstem Familjenkreis."
De beiden Nichten mit ernstem Jesicht,
Hör'n zu, was vor ihnen de Tantche da spricht.
Und denn sagen se artig auf Wiedersehn,
Und jehn.
Und draußen de Eine de Andre fragt:
"Na nich, was uns eben de Tantche jesagt,
Ich mein, - wenn später wir uns mal vermählen,
Unsern Kindern, - den werden wir das auch erzehlen".
Quelle: "Aecht Ostpreißisch",
herausgegeben 1937 vom Sturmverlag Gmbh.,
Zweigniederlassung Insterburg
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