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Gedichte
in missingsch
 

Hanne, das Kind

Von Ernst Gardey

Im Winter inne dollste Kält,
kam abends spät ich auffe Welt.
Es hädd gestiemt und hädd gefrorn;
denn ich bin unterm Schitz geborn.
Mein Muttche war grad nich zehaus,
die floch mits Vatche meistens aus,
sie war auch nu nich mal im Nest,
war irgendwo auf Schitzenfest.
"Ich bin e Schoß zu frieh gekommen",
sagt Muttche heit und seifzt beklommen.
Na kurz und gut, ich war nu da !
Mein Muttche auch. Bloß der Papa
war unabkömmlich von dem Schrumm.
Der mußt spendieren Bier und Rum,
weil Schitzenkeenich er geworden
und sich geschossen hädd e Orden.
Mein Vatche war e alter Treffer -
schrummbumm - schon lag der Has im Pfeffer !
Ich kimmerte um nuscht mir an:
dis Beste, was Mensch tuen kann.
Se lernten schabbern mich und stehn,
und denn sogar alleinche gehn.
Se merkten gleich, wo ich konnt lallen,
daß ich nich auffem Kopp gefallen. -
De Schul war nich gerad mein Fall,
ich huckt viel lieber innem Stall
beis Vieh und mank de Hammelherde,
mank Ochsen, Schweinchens, Kieh und Ferde.
Im Schweinstall war ich wie zehaus,
kannt mir mank Borchs und Ebers aus;
ließ Ferkels innem Morast wiehlen,
und ging de Hiehnerchens befiehlen.
Als ich e Gnos von acht, nein Jahr,
vleicht auch e bißche älter war,
kam mal der Herr Kreisschulinspekter
und priefte uns mit unserm Rekter.
Mir frugen se de kreitz und quer:
"Wo kommt wohl das Gewitter her?"
Allmächtger Gott, dacht ich, Gewitter?
Ich treimt grad vonne arme Ritter,
wo ich heit zu Kleinmittach hädd;
nu hilft nuscht, nu gibt Jackenfett !
Na, is wie is, ich sagte prommt:
"Gewitter . . . ja . . . Gewitter kommt
aus unsre Oma ihre Knochen!"
Uns Kanter hädd nuscht mehr gesprochen.
Der war ganz platt und so versteert,
als wenn e Katz wo donnern heert.
Ganz lila lief der Kopp ihm an.
Denn kam der Schulinspekter ran:
"Wie kamst du auf die Antwort, Kind?"
"Na", sagt ich, "neilich war so ,n Wind;
da meint mein Vatche, daß amend
e Gewitter kommen könnt;
und käms mit Hagel, denn wär bitter!"
"Ja", sagt da Omche, "e Gewitter
steckt mir drei Tag all inne Knochen!"
Ich hädd das Wort kaum ausgesproche
n, da lacht wie ,n Schaukelferd der Rekter
und auch der Herr Kreisschulinspekter.
Als ich denn eingesegnet war,
all aufgesteckt nu truch das Haar,
da sagt mein Vatche: "Muß man schicken,
bei andre dich im Topp reinkicken.
Lern man de Wirtschaff wo, Marjell,
denn kannst vleicht später als Mamsell
wo unterkriechen inne Stadt.
So e Mamsell wird immer satt !"
"Werd Schneidersche", mein Muttche sagt,
"denn der Beruf is sehr gefragt.
E Schneidersche, das is nich schlecht.
Schneidst richtich zu, denn kommst zurecht.
Denn fällt dich ab e Stick vons Tuch
zur Tallje oder'm Unterzuch.
Könnst hier das ganze Dorf benähn
und selber fein in Galla gehn !"
Auch Omche meint, bald käm die Zeit,
denn wär ich nu ja wohl so weit.
Ich möcht man immer dichtich spinnen.
Wenn eine hat viel scheene Linnen,
kricht se e Mann fier sich allein,
das tät im Leben schon was sein !
Wurd drieber sechzehn, und de Kindheit,
wo mir bislang noch schluch mit Blindheit,
fiel vonne Augens mir wie Schuppen:
ich tat als Jumfer mir entpuppen!
Nu reizt mir nich mehr Schweinestall,
auch's Vieh war nu nich mehr mein Fall,
auch Hiehners wollt ich nich befiehlen,
tat lieberst nache Jungens schielen,
wo Fensterprimmenad mir machten
und um mir fochten blut'ge Schlachten.
Bald huckt und grient ich inne Kammer:
ich hädd dem ersten Liebesjammer.
De Brust war eng, de Welt so weit,
der Kopp voll lauter Dammlichkeit.
Ich treimt von lauter Liebe man
und was Mensch dabei werden kann.
De Kinder- und Jungmädchenschuh
sind längst verscheiwelt. Immerzu
hält nuscht und kann nuscht halten, nei,
man einmal blieht im Jahr der Mai.
Ich möcht nochmal im Wäschkorb liegen,
ich möcht nochmal de Bulla kriegen,
möcht mir in trockne Windels aalen,
und nochmal wie e Babie krahlen.
Möcht nochmal mir mit Puder fein
bestreien lassen das Gebein,
möcht mittes Klapperche noch klappern,
nachplappern, was de andre plappern,
möcht mittem Schnuller schlafen ein
als kleines, dummes Hannelein!
Möcht "Hannche" sein, du meine Zeit,
und nich all Hanne Schneidereit !

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