Ostpreißen
Von Friedrich Erich Petukat
Ach nei! Wie wird manch Landche viel besungen!
Manchmal soviel, daß einem es geniert.
Und wo e Strauchche steht und so was mehr noch,
wird foorts e Liedche gleich von fabriziert.
Von manches Landche wird zuviel gebrisselt,
e anders Landche dafier viel geschmäht.
Darum kein Wunder is, wenn mancher manchmal
nach sonem Landche wie e Damlack geht.
So'n Dammelskopp, der könnt doch sonst nich fragen,
ob, wenn im Sommer Preißen man beehrt,
man auskömmt auch mit Fausthandschuh und Pelzmitz
und ob so e Fahrt man iberhaupt erst deert.
Und wenn se denn bepummelt mit e Schafspelz,
mit Flinten, Wasserstiebels kommen an,
und mit e Lexikon, damit man bloß doch
de "Eingebornen" auch verstehen kann,
denn - reißen se das Maul auf und de Augen:
Is so was meeglich? Nuscht von Berje Eis!
Bloß auf dem Schiffche kricht man was zu sehen
zu Mittag - aber auch nur kleckerweis.
Und erst in Pillau, später in Neiheiser,
in Rauschen und Warnicken aufe Tour
auch nich ein Urwaldtierche is zu finden;
bloß aufe Schildchens gibt es Wölfchens nur.
Und wenn se erst de Wälder noch begluddern
mit Kaddickstreicher, Fichtens, Birkengrien;
statt lauter Schornsteins - Eschen, Erlen finden
und eine Luft wie richtge Millizin,
denn hucken sich aufs griene Gras'che nieder
und sagen immer bloß: Nei, so was! Nei!
Und tun vor Freid ambarschtig sich befressen
und denken denn, wie so was meeglich sei. -
Und wenn se nu sind gibbrich erst geworden,
denn scheiweln se ganz bräsig anne Bahn.
Und de Kaldaunen richtig durchgeschlackert,
mit einemmal se sich der Großstadt nahn.
Und jedes Mänschche, das vorüber torkelt,
das wird beschnubbert und berochen wie e Ferd.
Und jedes Wortche, das se aufgeangelt,
wird aufgekritzelt, meistens bloß - verkehrt.
Und bringt der Weg se noch an einem Marktche
vorbei, und haben se de große Freid,
daß sich zwei Weibsleit grad dis Kabbeln kriegen,
tut se ihr Reis'che ieberhaupt nich leid.
Wie Musik klingte se: Großfress - Oapezogel -
und Grönspecht, Lorbas, opgeperschte Kos'
und Luntrus, Zoddertrin und Gniefke, Gnatzkopp
und Pogg', Spachheister, Sperlingsschlucker, Gnos'.
Und wenn se denn sich ausgeheddert haben
und wieder friedlich stehen mang die Stint,
denn sehn se erst, daß die mit Kopp und Fieße
und grad so e Menschen wie die andren sind.
Und wenn se erst e Kummche und e Glasche
mit Schmand und Glums und Bärenfang verdrickt
und so paar Loebelsche und Marzipanche
und richtjem Grock, denn sind se ganz verrickt.
Denn habn se auch auf einmal nu Begeistrung
fier Kant, Kallmeyer und Kopernikus,
fier Löns, fier Dach, dem Fahrnheit und Drygalski,
fier Agnes Miegel, Jung, Ambrosius,
Fier Schopenhauer, Hoffmann und dem Herbarth,
fier dem v. Hippel, Hindenburg, Corinth,
fier Halbe, Sudermann, Trojan und Reinick,
fier Herder, Holz und wie noch mehr da sind.
Denn gibt's nicht nur Willpischken, Pusperkallen,
Pupinnen, Babbeln, Bammeln, Puddelkeim
und Katzanupchen, Strutzken und Meschkruppchen
und Puspern, Spucken, Maulen, Allenstein;
denn kennt man nich bloß mehr de Ischken und de Schkallen
und Namen, die auf "kat" und "reit" und "ies"....,
dann kennt man unsrer Heimat stolze Dünen
und all die Schönheit, die man - keusch - nicht pries.
Und wer das Land, ihr Anderswogebornen,
nicht sah, das unberührt im Osten ruht,
der brech' den Stab nicht über dieses "Landche"!
Der wisse, daß er irrt und wehe tut. -
Doch wollt ihr her zu unserm Pregelstrande,
kommt, Freunde, kommt, wir reichen euch die Hand!
Schaut Eigenart, schaut grenzenlose Weite,
seid stolz, wie wir, daß Ostland - deutsches Land!
Quelle: "Sonnige Stunden" von Friedrich-Erich Petukat.
Verlag Franz Borgmeyer, Hildesheim
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