Plachandern
Von Ingrid Koch
Ach, wie scheen is doch plachandern,
wenn einer soviel weiß vom andern.
Die Hertchen hat heut' einjeladen
zu Tassche Kaffee und frischem Fladen.
Dem haben alle sehr beprahlt,
daß die Hertchen man so strahlt.
Man tut sich auch am Kaffee jietlich.
Ach, is das wieder scheen jemietlich!
Man huckt und schabbert, jeder lächelt,
is alles nu al durchjehächelt:
Daß Nachbars Kinder, diese schlimmen,
splitternackt im Urlaub schwimmen,
und daß die Frau vom Polizist
ihm al lange untreu ist!
Na, und erst die von nebenan,
wo auf Montage is der Mann,
die tut tatsächlich al seit Wochen
fier einem andern Kaffee kochen!
Miteins, da sagt die Bertchen doch:
"Ei, was ich wollt' erzählen noch,
die Frau von unserm Organist
al wieder guter Hoffnung ist!"
"Na, sieh man", sagt nu die Ottilje,
"der is fier Kirche und Famielje,
tut fleißig mange Tasten jreifen -
und hat Kinder wie die Orjelpfeifen!"
Ach, wie scheen is doch plachandern,
wenn einer soviel weiß vom andern.
"Und Schindlers Jretchen is verlobt?"
"Na, der Kurt hat vleicht jetobt!
Von wejen, weil er bloß Student,
und sie ihm erst paar Wochen kennt.
Am End, so meint der alte Schindler,
isses gar e Heiratsschwindler!"
Die Heta sagt: "Zehn Jahre schon
sucht der e reichem Schwiejersohn.
Der tat die Fleißjen und die Faulen
im Handumdrehn ihr doch vergraulen."
"Na", sagt die Erna, denk man dran,
was aus sowas werden kann.
Bloß, weil der soviel mecht' vererben,
soll sie als alte Jungfer sterben!"
Die Hildchen kaut e bißche schneller.
Es wird al wenjer aufem Teller.
Der Fladen - ohne Iebertreiben -
is wiedermal zum Huckenbleiben!
Tatsächlich, heute hat sie Jlick
und erwischt das letzte Stick.
Nu macht sie ihre Hand scheen flach
und schiebt noch schnell paar Kriemel nach,
und grad', wie sie dem Kopp so ruckt,
hat sie orntlich sich verschluckt.
Sie hustet furchtbar und sagt kläglich:
"Kinder, wie is das bloß mejlich?
Ich hätt' glattweg ersticken könnt -
das hat mir einer nich jejönnt!"
"Ei, sag man, habt ihr al jehert,
mit wem Jerwins Fritz verkehrt?
Mit so e Fijuchel ause Stadt,
die obendrein drei Kinder hat!
Und dabei is, bei Licht besehn,
die alles andre - bloß nich scheen!"
Ach, wie scheen is doch plachandern,
wenn einer soviel weiß vom andern!
Die Hertchen sagt: "Al vorje Woch
wollt' ich doch erzählen noch:
Die neben mir - die lebt alleine -
ei, die hat Wäsche anne Leine!
Allein elf Schlipfer hängen heute!
Ich glaub, die wäscht bloß fier die Leute.
Na, und von Schmidts, der dicke Klaus,
der kommt um Uhre drei nach Haus.
Der Luntrus hadd noch nie Manieren,
haut wie e Wilder mite Tieren!"
So wird' es jehn - noch tagelang,
man nu is Abend, Gottseidank!
Sie kauten durch noch die Verwandten,
wie das so is bei Pletertanten.
Um dreiviertelacht woll'n sie sich trennen,
weil sie sonst nuscht kucken können.
Ach, wie scheen war doch plachandern,
wenn einer soviel wußd vom andern.
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